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Makro-Entdeckungsreise

von Uwe Heimburger

Mit Vollformatkamera (36x24mm Sensor) und 100mm Makro-Objektiv bin ich in den Gewächshäusern des Botanischen Gartens Nymhenburg unterwegs. Eine tolle Umgebung. Hier gibt's immer etwas zu entdecken! Stabilität beim Fotografieren erhalte ich durch den Einsatz eines einfachen Einbeinstativs.

Im folgenden Beitrag zeige ich einige der gemachten Fotografien und plaudere ein wenig über Makrofotografie, geeignete Werkzeuge und Aufnahmetechniken.

Die Gewächshäuser weisen je nach Flora unterschiedliche Temperaturen und Feuchte auf. Dies kann zum Beschlagen der Optik führen. Um dem entgegenzuwirken führe ich ein weiches Optiktuch-Tuch (Mikrofaser) und einen Blasebalg mit mir. Wenn aufgrund der Temperaturdifferenzen erforderlich, gebe ich der Kamera Zeit, sich zu akklimatisieren, bevor ich die Optik wechsele. Denn bei diesem Vorgang kann sich schnell Feuchtigkeit in der Kamera bilden.

 

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Auf Aufnahmen für's Focus Stacking zur Umsetzung weitreichender Schärfentiefe und Pixel Shift Resolution für extreme Detailschärfe verzichte ich heute. Dafür müsste ich Makroschiene und Dreibeinstativ heranziehen (siehe Beitrag MultiShot-Techniken).

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Stattdessen arbeite ich bewußt mit der Blende und das bis maximal Blende 11. Denn ab Blende 16 wird Schärfeverlust durch Diffraktion (Unschärfe durch Beugung der Lichtwellen) sichtbar und die dann nötige höhere ISO-Zahl reduziert die abbildbare Helligkeitsdynamik merklich, wenn die Belichtungszeit relativ kurz gehalten werden soll, um Unschärfe durch Verwacklung zu vermeiden.

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Die Aufnahmen entstehen im Raw-Format DNG, die Konvertierung nehme ich wie meist in Capture One Pro vor. Einige Aufnahmen beschneide ich, um die Komposition zu optimieren, oder um Details noch deutlicher zu zeigen.

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Die Makro-Fotografie eröffnet einem völlig neue Welten. Ganz kleine Dinge werden plötzlich ganz gross, feine Details sichtbar, die zuvor kaum wahrnehmbar waren. Dafür müssen wir nah rangehen. Offenblende läßt die Bereiche außerhalb der Schärfeebene schnell verschwimmen. Das Motiv wird selektiv hervorgehoben. Im folgenden Beispiel habe ich Blende f/2.8 gewählt während die vohergehende Aufnahme mit Blende f/11 entstand.

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Ein "normales" Objektiv reicht mit seiner gebotenen minimalen Aufnahmedinstanz und seinem minimalen Abbildungsmaßstab für solche Aufnahmen meist nicht aus. Manche Zoom-Objektive bieten eine Makro-Einstellung. Damit geht's dann schon besser.

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Bereits eine Nahlinse verbessert die Situation. Mit einem Makro-Achromaten werden optische Fehler wie Chromatische Aberration vermieden. Sie sind etwas teurer als die einfache Nahlinse, liefern aber auch sichtbar bessere Ergebnisse. Dabei bleiben sie trotzdem erschwinglich.

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Mit deutlich unter 100,- € sollte man auskommen. Die Linsen werden direkt oder über einen Adapter-Ring StepUp oder -Down vor ein vorhandenes Objektiv geschraubt und führen je nach Stärke zur Verkürzung des minimalen Aufnahmeabstands. Lichtverlust tritt dabei kaum auf.

Auf Makro-Zwischenringe, Balgengerät und Umkehrringe gehe ich nicht ein, da ich mit diesen keine Erfahrungen habe. Alle diese Lösungen führen dazu, dass die Fokuseinstellung "Unendlich" nicht mehr funktioniert.

Alternativ kann auch ein Telekonverter zur "Vergrößerung" eingesetzt werden. Hierbei tritt diese Einschränkung nicht auf. Der volle Einstellungsbereich für die Entfernung bleibt erhalten inklusive minimalen Aufnahmedistanz des Objektivs, an dem der Telekonverter eingesetzt wird. Dies ermöglichen Linsenelemente, die im Telekonverter verbaut sind. 

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Geringer Aufnahmeabstand und großer Abbildungsmaßstab, z.B. 1:1,  bedeuten Schärfentiefebereich im Millimeterbereich. Selbst bei großer Blendenzahl, also kleiner Blendenöffnung, wächst der Schärfebereich nur in vergleichsweise geringem Maße. Die Schärfentiefe ist somit ein kritischer Aspekt in der Makro-Fotografie.

Auf die Arbeit in diesem geringen Schärfentiefenbereich sind Makro-Objektive spezialisiert. 

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Zur präzisen Einstellung der Schärfeebene besitzen Makro-Objektive einen langen Einstellweg. Eine Skala, die den Vergrößerungsfaktor abhängig von der Entfernung angzeigt, ist eine weitere Besonderheit dieses Objektivtyps.

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So lassen sich kleine Objekte letztlich sogar grob "vermessen". Ein Abbildungsmaßstab von 1:1 ist bei Makro-Objektiven die Norm. Es gibt Abweichungen sowohl nach Unten als auch nach Oben.

Im obigen Beispiel wollte ich vermeiden, dass der Schmetterling aufgrund eines zu geringem Abstands bei der Aufnahme flüchtet. Die Originalaufnahme entstand daher mit größerem Abstand als es das Bild vermuten läßt. Ein deutlicher Beschnitt hilft. Da das Objektiv sehr hochwertig abbildet und die Darstellung im Internet keine große Pixelausdehnung erfordert, ist dies nicht erkennbar.

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Ergänzend zu den von Kameraherstellern angebotenen Makro-Objektiven gibt es von Drittherstellern preislich und leistungsmäßig sehr attraktive Alternativen. Sie sind ab ca. 400,- €, teilweise sogar bereits darunter erhältlich. Für den, der tiefer in die Welt der Makrofotografie einsteigen möchte, lohnt die Investition in jedem Fall.

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Die Aufnahmetechnik richtet sich nach dem zu fotografierenden Objekt. Ist das Objekt der Begierde statisch, lässt sich sehr gut mit Stativ und manueller Einstellung bei Verwendung des LiveView arbeiten. Die 100%-Ansicht unterstützt extrem präzises manuelles Fokussieren.

Bewegt sich das Objekt, wird's schwierig. Dann verschafft Arbeiten ohne Stativ und mit Autofokus deutliche Vorteile, denn Bewegungsfreiheit und Reaktionsfähigkeit sind dann gefragt.

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Beim Arbeiten ohne Stativ macht es bei geringem Aufnahmeabstand im manuellen Modus Sinn, die letzten Millimeter durch minimalste Körperbewegung vor und zurück "einzustellen". Da reicht oft bereits das bewusste Ein- und Ausatmen und Auslösen im richtigen Moment.

Will ich mit meinem Makro-Objektiv exakt im Maßstab 1:1 fotografieren, stelle ich das Objektiv auf minimale Distanz und nähere mich meinem Motiv solange, bis das Motiv optimal scharf erscheint und löse dann aus. Ganz präzise funktioniert das mit Einsatz eines Dreibeinstativs und Makroschiene, auf der die Bewegung der Kamera über ein Feingetriebe bewegt wird.

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Serienaufnahmen erhöhen die Trefferwahrscheinlichkeit. Aussortiert wird bereits Vorort unter Verwendung der 100%-Darstellung des LiveView oder in der Nachbearbeitung Zuhause am Rechner.

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Eine letzte Option Detailaufnahmen zu machen, gibt es natürlich auch für normale Festbrennweiten oder Zoom-Objektive. Das Beschneiden des Bildes in der Bildnachbearbeitung. Je hochwertiger die verwendete Optik und je mehr Pixel ein Sensor bietet, desto mehr geht.

Im Extremfall verwende ich mein Makro-Objektiv mit 1.4-fach Telekonverter und angesetztem Makro-Achromat und beschneide das Bild in der Nachbearbeitung.

Grenzen setzen lediglich das Medium über das das Bild präsentiert werden soll, und die persönlichen Qualitätsanforderungen. Für die Präsentation im Internet kann man das Spiel sehr weit treiben, für FineArt Prints sind die Grenzen in Abhängigkeit von der Ausgabegröße deutlich enger gesteckt.

Hinweis zu Spiegelreflexkameras

Die Wahrscheinlichkeit für maximale Schärfe steigt bei Spiegelreflexkameras, wenn man die Mirror-Up Funktion nutzt, zu deutsch Spiegelvorauslösung. Dadurch wird die Beeinträchtigung der Aufnahme aufgrund der durch den Spiegelschlag verursachten Erschütterung vermieden. Nachdem der Spiegel hochgeklappt ist, wird eine kurze Pause eingelegt, bevor der mechanische Verschluss aktiv wird.

Sofern es die Kamera anbietet, ist der Einsatz des elektronischen Verschlusses eine Möglichkeit Beeinträchtigungen der Aufnahme durch Vibrationen des mechanischen Verschluss zu vermeiden. Dabei wird der mechanische Verschluss vor der Aufnahme geöffnet und die Belichtung des Sensors rein elektronisch gesteuert, d.h. ohne Verschlussvorhänge.

Sich schnell bewegende Objekte sollten so jedoch nicht fotografiert werden, denn dies kann zur verzerrten Aufzeichnung dieser Objekte führen.

Hinweis zu Sensorgrößen

Je kleiner die Sensorgröße, desto beschränkter der Ausschnitt bei gegebener Brennweite und desto größer die Vergrößerungswirkung bei festgesetzter Ausgabegröße. Der kleinere Sensor wirkt wie ein Beschnitt und die Schärfentiefe ist gefühlt größer als bei größeren Sensoren.

Beispiel: im Vergleich zu einem Vollformat-Sensor mit 36 x 24 mm besitzt ein APS-C Sensor nur etwa die Hälfte Sensorfläche. Damit schneidet der APS-C Sensor wesentlich weniger Fläche aus dem durch die Optik erzeugten Bildkreis als der Vollformatsensor. Von der Schärfentiefe her wirkt eine Aufnahme mit Blende 8 am APS-C Sensor wie eine Aufnahme mit Blende 11 am Vollformat.

Weist der APS-C darüber hinaus eine hohe Pixelzahl, beispielsweise 24 Megapixel auf, besteht zudem deutlicher Spielraum für weiteren Beschnitt. Für Makro-Aufnahmen ist das etwas Positives. Aber es gilt: "No lunch for free". Abstriche sind meist bei der aufnehmbaren Helligkeitsdynamik und dem Bildrauschen bei höheren ISO-Zahlen zu machen. 

Noch eine Stufe kleiner als APS-C Sensoren sind MicroFourThirds-Sensoren (abgekürzt MFT). Hier setzen sich sowohl positive, d.h. viel Schärfentiefe, als auch negative Aspekte, z.B. erhöhtes Bildrauschen, fort.

Jede Sensor-Alternative hat ihre Vor- und Nachteile. Für welche Alternative man sich für die Makrofotografie entscheidet hängt letzlich von den persönlichen Präferenzen ab. Das APS-C Format bietet meiner Ansicht nach einen hervorragenden Kompromiss.

Aber wenn ich die Möglichkeit habe, nutze ich gerne die größere Sensorfläche des Vollformat-Sensors.

Fazit:

Messerscharfe Objektive allein reichen für exzellente Ergebnisse nicht aus.

Die Umgebungsbedingungen, u.a. das Licht, die persönliche Bildvision und Umsetzung in eine Bildkomposition, das genutzte Werkzeug mit den Aufnahme-Einstellungen und die persönliche Aufnahmetechnik tragen zur gelungenen Aufnahme bei. Dieser Schatz kann dann in der Nachbearbeiung weiter aufgewertet werden.

Die in der Nachbearbeitung erzielbaren Ergebnisse hängen von der Qualität der Eingabe-Datei, der Qualität des Raw-Konverters bzw. des Bildbearbeitungsprogramms und den handwerklichen Fähigkeiten des Bearbeiters ab. 

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