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Gänseblümchen im Zeitraffer

von Uwe Heimburger

Ich weiss gar nicht mehr, wie lange es her ist, da habe ich eine Möglichkeit gesucht, meine Kameras während der Nachtfotografie und beim Filmen mit externem Strom ohne Netzanschluss zu versorgen. Bei dieser Gelegenheit bin ich über Gunther Wegeners Website zur Timelapse-Fotografie gestolpert. Zu deutsch heisst das Zeitraffer-Fotografie.

I. Aufbau zur Durchführung der Intervall-Aufnahmen

Nachdem ich ein paar seiner Videos angeschaut hatte, war ich von dieser Idee begeistert. Trotzdem habe ich mich damit bisher nicht weiter auseinandergesetzt. Die wegen Corona einhergehenden Beschränkungen zwingen nun zu mehr Heimarbeit und Urlaub Zuhause. Rausgehen nur noch für einen Spaziergang. Längere Unternehmungen praktisch ausgeschlossen.

Beim Surfen im Internet bin ich nun erneut bei Herrn Wegener gelandet und die Neugier ebenfalls erneut geweckt. Ideen zu Zeitraffer-Videos gehen mir durch den Kopf. Was kann ich davon wohl mit meinem Foto-Equipment umsetzen?

Das muss ich einfach ausprobieren. Und die Zeit dafür habe ich ja nun ...

Meine Idee: auf dem Rasen des Gartens vergnügen sich Gänseblümchen. Früh morgens sind die Blüten weitgehend geschlossen und mittags dann weit geöffnet. Mit dieser Öffnung gehen natürlich Bewegungen einher, die mit Intervall-Aufnahmen einzufangen und in ein Video zu giessen sind. Das sollte sich bewerkstelligen lassen - oder?

Ich plane ein Zeitraffer-Video von ca. 10 Sekunden zu erstellen. Bei einer Frame-Rate von 30 Bildern pro Sekunde benötige ich somit 10 Sekunden x 30 Bilder = 300 Bilder. Bei einer Minute Intervalllänge komme ich auf eine Zeitspanne von 5 Stunden für meine Zeitraffer-Session.

Hardware Setup

Klar, für die Aufnahme-Session soll eine meiner Pentax DSLR Kameras zum Einsatz kommen. Ich entscheide mich für die Pentax K-1 im Modus APS-C. Das sind dann 4800 x 3200 Pixel. Heruntergeschnitten auf das Seitenverhältnis 16:9 sind es 4800 x 2700 Pixel (12,96 Megapixel). Mehr Auflösung benötige ich für 4K-Zeitraffer-Videos (3840 x 2160px) nicht.

Für 8K (ca. 8000 Spalten) würde eine Auflösung von 7680 x 4320 Pixeln benötigt. Da müsste ich dann tatsächlich in den Modus FF (Vollformat, Sensorgrösse 36 x 24mm) wechseln. 6K erfordert 6016 x 3384 Pixel. Da passen die 6016 x 4000 Pixel der Pentax KP wie die Faust auf's Auge. Es müssen nur der obere und untere Rand so beschnitten werden, dass das Format 16:9 entsteht.

Für geeignete Vergrösserung sorgt das Makro-Objektiv Pentax DFA100WR Macro. Kamera mit Objektiv befestige ich auf einem einfachen Kugelkopf, der wiederum auf einem Makro-Stativ sitzt.

Ich möchte den Modus Electronic Shutter (ES), d.h. den elektronischen Verschluss einsetzen. Dies verspricht die geringste Vibration. Die Bewegung im Bild wird über den langen Zeitraum so gering sein, dass ganz sicher keine Verzerrungen entstehen. Nachteil ist der hohe Strombedarf, da dieser Modus an der K-1 nur mit eingeschaltetem LiveView betrieben werden kann. Vorteil des LiveView ist wiederum, dass ich die aktuellen Parameter inklusive Histogramm während der Session prüfen kann.

Damit der kamera-interne Akku während der 5 Stunden-Session nicht stirbt, hänge ich die Kamera via Netzteil an die mittlerweile erworbene mobile externe Stromversorgung.

Da ich mit über den Zeitraum stark anwachsender Helligkeit rechne, setze ich einen Graufilter der Stärke ND 1.8 ein. Aufnahmen werden dadurch um 6 Blendenstufen verlängert. Bei grösster Helligkeit sollten somit keine Probleme auftreten.

II. Um Lichteinfall zu vermeiden, deckt meine Mütze den Sucher ab

Erst nachdem ich die Intervall-Aufnahmen mit externem Timer gestartet habe, fällt mir auf, dass der Sucher nicht abgedeckt ist. Die Okular-Muschel lässt sich nur schwer entfernen. Daher decke ich den Lichteingang nicht mit der dafür vorgesehenen Plastikkappe ab, sondern mit meiner Mütze.

Konfiguration der Kamera

Starke Veränderung in den Lichtverhältnissen soll die Kamera automatisch kompensieren. Daher wähle ich das Programm TAv. Zeit (Time) und Blende (Aperture) gebe ich vor, die Kamera ermittelt entsprechend Belichtungsmessung die passende ISO-Empfindlichkeit.

Blende f/5.6 bei 1/160s scheinen mir als fixe Parameter geeignet. Das sollte im Modus APS-C für ausreichende Schärfentiefe mit Bokeh sorgen. Wesentliche Unschärfen hinsichtlich des Haupt-Objekts, dem Gänseblüchmchen einer Gruppe von Gänseblümchen, sollten so ausbleiben. Da Blüten Licht oft wesentlich stärker reflektieren als die Umgebung, wähle ich ergänzend eine Belichtungskorrektur von -0,7 EV. So rechne ich mit keinen ausgefressenen Lichter in den Aufnahmen.

Und los geht's

Nachdem ich den kabelgebundenen externen Timer wie oben beschrieben programmiert und gestartet habe, ist die erste Aufnahme um 08:38:37 im Kasten. Die erste ISO-Einstellung liegt bei ISO 1250.

Kurz darauf bemerke ich, dass die Blende auf f/2.8 steht. Nicht aufgepasst. Das korrigiere ich. Ab dem fünften Bild erfolgen die Aufnahmen f/5.6 und die Empfindlichkeit liegt bei ISO 5000. Dies entspricht schon eher meinen Erwartungen.

III. Display des externen Timers 

Während der Zeitraffer-Session sehe ich auf dem Display des Timers den aktuellen Status der Aufnahmen: Anzahl noch durchzuführender Aufnahmen und Zeit bis zur nächsten Aufnahme. Auf dem Kamera-Display verfolge ich die ISO-Veränderung.

Gestartet bin ich ohne externe Stromversorgung. Die Akku-Anzeige der Kamera zeigt jedoch bereits nach kurzer Zeit Energieschwund. Daher schalte ich kurz darauf die externe Powerbank zu. Die Akku-Power wird locker für die 5 Stunden reichen. Minute für Minute wird Bild für Bild im Raw-Format DNG aufgenommen und gespeichert. Das Raw-Format lässt mir den grössten Spielraum in der Bildbearbeitung.

Am Ende schlagen 318 Aufnahmen zu Buche. Jede Aufnahme mit ca. 25 Megabyte.

Erkenntnisse

Es zeigt sich, dass ich die Helligkeitsentwicklung der Szene deutlich fehleingeschätzt habe. Dies beweist die folgende Grafik. Ich habe sie mit csv-Export per Exiftool und Apple Numbers erstellt.

Das Exiftool-Kommando schaut wie folgt aus:

exiftool -G -FileName -ModifyDate -ISO -Fnumber -ExposureTime -ExposureCompensation -csv . > ../tl-session-metadata.csv

Die orange Linie stellt eine logarithmische Trendlinie der ISO-Entwicklung dar.

IV. ISO-Chart der Aufnahme-Session

Die blaue Linie zeigt die automatisch von der Kamera gewählte ISO-Einstellung für jede Aufnahme im Verlauf der 5-Stunden-Session. Vermutlich aufgrund eines Schattens geht's bald nach Beginn der Session bis hinauf auf ISO 10.000. Das ist schon erheblich, aber für die Pentax K-1 kein wirkliches Problem. Die Hälfte der Zeit liegt die ISO-Zahl dann zwischen 3.200 und 5.000. Erst nach ca. 2,5 Stunden geht's mit Zwischenschritt ISO 2.500 auf ISO 2.000 hinunter.

Das ist allerdings immer noch recht hoch. Perfekt wäre ISO 100. Es besteht somit Spielraum für vier Blendenstufen.

Es wäre gar nicht notwendig gewesen bei Blende f/5.6 einen Graufilter der Stärke 1.8 zu verwenden. Es hätte auch ein Graufilter mit vier Blendenstufen weniger, also ein Graufilder der Stärke 0.6 getan. Die Kamera-Automatik wäre am Ende dann bei ISO 125 gelandet.

Nur viel Erfahrung und Vorbereitung gestatten eine punktgenaue Wahl des passendsten Graufilters. Als Vorbereitung könnten wir den üblichen EV-Helligkeitsverlauf eines Tages messen. Die Wahl der Kameraeinstellungen und eines passenden Graufilters wäre dann deutlich zielgenauer.

Und wie hat sich der externe Akku geschlagen? Gut!

Zu Beginn war der Akku-Stand ca. 76%, nach etwas weniger als 5 Stunden lag bei 24%.

Workflow

Nachdem die Bilder aufgenommen sind, entwickle ich die Raw-Dateien zunächst in Capture One Pro. Das unterscheidet sich nicht von meinem üblichen Vorgehen.

Leichte Farb-, Kontrast und Helligkeitsanpassung sind die üblichen Bildbearbeitungsschritte. Bei den Aufnahmen für Zeitraffer-Videos kommt ein Beschnitt auf 16:9 hinzu. Je nach Verwendungszweck generiere ich dann Bilder in einem bestimmten Format. Dies ist meist das Format JPG.

V. Workflow von den Aufnahmen bis zum fertigen Zeitraffer-Video

Für den nächsten Bearbeitungsschritt scheinen die Bild-Dateien einen einheitlichen Namen besitzen zu müssen mit einer durch Bindestrich getrennen laufenden Nummer. In dieser Form lassen sich die Bilder in die Software TimeLapse DeFlicker (TLDF) importieren. Die Laufende Nummer entspricht anschliessend der Frame-Nummer des künftigen Zeitraffer-Videos. Den Ordner mit den Bildern auf die links liegende Listenansicht des Hauptfensters ziehen und loslassen (Drag & Drop), schon werden alle zuvor im Ordner bereitgestellten Bilder importiert.

Die Video-Vorschau rendert das Programm anhand der eingestellten Parameter DeFlicker (Entflackern), Blend (Überblenden) und Denoise (Entrauschen) und über den Dialog Rendern kann sowohl die Ausgabe der Einzelbilder als auch die des Videos erfolgen.

Für mich ist das Video damit allerdings noch nicht fertig. Ich hätte doch gerne einen Vor- und Abspann und Sound oder Musik als Untermalung wären auch ganz nett. Darüber hinaus möchte ich Metadaten hinzufügen. Dazu zählen Titel, Beschreibung, Autor und Copyright-Vermerk.

Diese Bearbeitungsschritte führe ich mit der Diashow-Software FotoMagico Pro durch. Das Video reichere ich mit einer früh morgens aufgenommenen Audio-Aufnahme an. Dann erzeuge ich abschliessend das Gesamtwerk.

Mit gefällt mein Zeitraffer-Erstlingswerk Daisies' Awakening. Insgesamt sind es 25 Sekunden geworden, inklusive Vor- und Abspann.

Da ich international in Foto-Foren unterwegs bin und das Video referenzieren möchte, habe ich es in englischer Sprache gehalten. Als Präsentationsplattform für das Video wähle ich YouTube - auch eine neue Erfahrung. Ich bin jetzt tatsächlich ein "YouTuber" mit eigenem Kanal.

Viel Spass beim Anschauen des Zeitraffer-Videos!

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