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Filter-Fotografie Gedanken

von Uwe Heimburger

Ich sitze in der S-Bahn und schaue aus dem Fenster. Wir passieren Brücken. Hintergrund sehr hell. Ich sehe viele potenzielle Bilder. In Gedanken suche ich Filterlinien. Über diese lese ich gerade in einem eBook auf meinem iPad. Uwe Statz‘ Buch "Filterfotografie" ...

Uwe Statz' Filterfotografie

Nachdem ich gesehen habe, dass die digitale Kindle-Version von Uwe Statz´ Buch "Filterfotografie" erheblich günstiger ist als die gedruckte, habe ich sie kurzentschlossen erworben. Eine schöne S-Bahn-Lektüre auf meinem iPad. Sie verspricht meine Kenntnisse zur Arbeit mit Filtern zu vertiefen.

Mein Fazit nachdem ich es vollständig gelesen habe: sehr lesenswert. Hinsichtlich verfügbarer Filter nicht viel Neues für mich. Inhalte des Buchs waren vor einiger Zeit auch in den FineArtPrinter Ausgaben 01 und 02/2016 erschienen. Es dreht sich überwiegend um den praktischen Einsatz von Pol-, Neutraldichte- und Neutraldichteverlaufsfilter (= ND bzw. GND-Filter) in verschiedenen Kontexten.

Was mir vor allen Dingen an diesem Buch gefallen hat, war der lockere Schreibstil und die Wiederholung der verschiedenen Arbeitsschritte mit Darstellung der Zwischenergebnisse bis zum "ultimativen" Bild. Das wirkte für mich wie "Jacke hinverwerfen, aufheben, aufhängen, hinwerfen, ..." (eine Schlüsselszene des Films Karate Kid mit Jackie Chan als Meister) - wirkt auf mich wie ein mentaler Workshop zum Automatisieren der Abläufe. Super.

Ein Schlüsselwort ist für mich "Entschleunigung", denn Filterfotografie hat "mit mal schnell zwischendurch Knipsen" wenig zu tun. Sie bedeutet eher langsam und konzentriert arbeiten, und damit auch Erholung von der heute meist dominierenden Alltagshektik. Nicht nur das Endresultat, sondern auch der Weg dorthin hat Bedeutung. Etwas, das ich gerne annehme.

Statz versucht jegliche Kontrastverhältnisse direkt Vorort vollständig in den Griff zu bekommen. Daher arbeitet er überwiegend mit Stecksystem. Sein Ziel ist es, Bilder mittels Filtereinsatz vollständig und perfekt Vorort fertig in der Kamera zu erzeugen (engl. SOOC - straight out of camera).

Perfektion erfordert viele in ihrer Wirkung abgestufter Filter. Welches monetäre Investment damit potenziell einhergeht, erfähre ich nicht.

Eine Recherche im Internet zeigt mir, dass beispielsweise für das 100er Stecksystem von Haida mit Pol- und den wesentlichen ND- und GND-Filtern (Neutraldichtefilter bzw. Neturaldichteverlaufsfilter, engl. Neutral Density bzw. Graduated Neurtral Density) in verschiedenen Stärken deutlich über 1.000,- € fällig werden. Bei den von Statz favorisierten Filtern von Lensinghouse wird‘s nochmal eine Ecke teurer.

Interessant finde ich, dass Statz oft einen Walkstool, einen portablen Dreibeinsitz der Marke Walkstool, während seiner Foto-Sessions einsetzt. Denn einen solchen besitze ich ebenfalls und schätze seine Variabilität und die flexiblen Einsatzmöglichkeiten.

Hinsichtlich Transportmittel denke ich nicht über den von ihm eingesetzen und empfohlenen Eckla Beach-Trolly nach, sondern über die Anschaffung eines Hinterher-Fahrradanhängers (hinterher.com), wie z.B. einen H Fiffy oder Hmini. Sie können ganz schnell auch für den Handbetrieb umgebaut werden. Die Anhänger sind sehr hochwertig und flexibel nutzbar und werden in München gefertigt. Mit abschließbarer Alu-Box als Aufbau kann Equipment vor Blicken geschützt und zumindest bis zu einem gewissen grad gesichert verstaut werden.

Zentrale Aussagen, Tipps und Erkenntnisse

  • Zur Reinigung der Filter Blasebalg, Pinsel und kleine Sprühfläschchen mit destilliertem Wasser und/oder Isopropanol (Alkohol) verwenden. Nicht trocken putzen!
  • Glasfilter sind unempfindlicher als solche aus Kunststoff.
  • Je länger die Brennweite, desto weniger entfaltet ein ND Soft Grad seine Wirkung.
  • Filterübergang bei geöffneter Blende ggü. geschlossener weicher.
  • Farbverfälschungen bei den meisten ND-Filtern ab ND 1.2. Bei guten Filtern im Raw-Konverter leicht zu beheben.
  • Reihenfolge des Filtereinsatzes und Prüfschritte sind wichtig: Polfilter, ND Grad ggf. mehrfach, zuletzt den Slot direkt am Objektiv besetzen, bei Langzeitaufnahmen mit dem passenden ND-Filter mit dichtender Moosgummiseite zum Objektiv hin. Der Kamera-Monitor hilft bei der schrittweisen Zusammenstellung und Positionierung der passenden Filter.
  • Durch Kombination zweier Hard Grad ND-Filter kann man einen Reverse ND-Filter erzeugen.
  • Verlängerungsfaktorkarte wasserfest eingeschweißt ist im praktischen Einsatz deutlich smarter als ein Handy oder Tablet.
  • Von der Helligkeitsverteilung hängt letztlich der Einsatz der GND-Filter ab. Zur Filterwahl und Positionierung scheinen mir insbesondere Kamera-Monitor in Schwarzweiss-Darstellung mit Überbelichtungswarnung und Histogramm sehr hilfreich. Eine klassische Methode ist das Scannen des abzubildenden Bereichs unter Verwendung eines Handbelichtungsmessers.
  • GND-Filter besitzen eine „lineare Ausrichtung“. Unsachgemäßer Einsatz der Filter ist daher im Bild erkennbar. Zur optimalen Ausrichtung der Filter sind geeignete „Filterlinien“ zu suchen. Am Kamera-Monitor ist das oft einfacher als über den optischen Sucher.
  • Fernauslöser / Timer mit Klettband an Stativ befestigen.
  • Eine Audio-Aufnahme-Funktion zur verbalen Dokumentation der bei einer Aufnahme eingesetzten Filter ist sehr hilfreich. Meine alte Kompakte Canon Powershot G10 könnte ich hierfür und ergänzend als externen Belichtungsmesser mit Spotmessung einsetzen.

Prioritäten

Das folgende Bild zeigt eine Aufnahme, die ich 2016 unter Einsatz eines ND 3.0 Schraubfilters gemacht habe. Die sehr hohe Helligkeitsdynamik bereitete damals ein wenig Probleme. Ein Filter-Stecksystem und Verlaufsfilter 0.9 hätte sicher geholfen. So nutzte ich lediglich die digitalen Werkzeuge meines Raw-Converters, was in diesem Fall auch einigermaßen funktionierte.

Pentax K-5 (APSC)• DA15 • ISO80 • 11.79s • f/8.0 • Haida Pro II MC ND3.0

Trotzdem - mehr denn je bin ich überzeugt, dass ich die Nutzung von Filtern ausweiten sollte. Statz´ Buch hat mir geholfen, meine Prioritäten bzw. Anforderungen an eine ausgeprägtere Filternutzung zu formulieren. Hier fließen auch wirtschaftliche Aspekte ein.

  • Steck- statt Schraubfilter, Aufgrund der Flexibilität das 100er-System (100 x 100 mm Scheiben ND, 100 x 150 mm GND)
  • In der Vergangenheit hatte ich trotz DSLR-Kameras mit sehr gutem Sensor öfter Probleme mit extremen Helligkeitsdynamiken. Da helfen nur stärkere Neutraldichte-Verlaufsfilter (Graduated Neutral Density, GND), somit Prio auf GND 0.9, was 3 Blendenstufen entspricht. Sie sind ein Muß.
  • Aus Kostengründen würde ich zunächst auf die “kleinen“ Stufen 0.3 bzw. 0.6, d.h. 1 bzw. 2 Blendenstufen, verzichten (kein SOOC).
  • Zwischenstufen muss ich in der Bildbearbeitung bzw. dem Raw-Converter in den Griff bekommen. Da es für optimale Ergebnisse meist eh nicht ohne lokale Anpassungen geht, nicht wirklich ein Problem. Alternativ könnte ich auch Aufnahmen mit unterschiedlicher EV-Korrektur bzw. HDR-Aufnahmen machen. Die Komprimierung der Helligkeitswerte müßte dann in der Nachbearbeitung mit erhöhtem Zeit- und Speicheraufwand am Rechner erfolgen. In diesem Punkt ist mir die Arbeit Vorort mit Filtern sympathischer.
  • Umgebung und Helligkeitsverteilung der Szenerie wechseln stark. Ich setze Vollformat- und APSC-Kamera ein und auch die genutzte Brennweite wechselt von Extrem-Weitwinkel bis Tele. Für volle Flexibilität benötige ich daher ND Soft Grad, Hard Grad und auch einen Reverse-Filter.
  • Da Licht-Reflexionen in Blättern, Wasser etc. die Bildqualität stark beeinflussen können, ist auch ein zirkulärer Polfilter vonnöten.
  • Für Langzeitbelichtungen wird oft ein ND-Filter der Stärke 3.0 benötigt. Einen solchen Filter besitze ich bereits als 82mm-Schraubvariante. Dieser Filter bringt 10 Blendenstufen. Die Belichtungszeit wird vertausendfacht. Zusätzliche Filter als Zwischenstufen sind hilfreich. Obiges Bild zeigt, dass die Belichtung hätte länger ausfallen dürfen, vielleicht doppelt oder vierfach. Ein zusätzlicher ND 0.6 Filter (2 Blendenstufen) hätte dies bewirkt - oder aber ein Polfilter. Dieser "schluckt" ein bis zwei Blendenstufen und entfernt bei seitlich einfallendem Licht gleichzeitig unliebsame Spiegelungen und Lichtreflexe, was dem Bild insgesamt mehr Klarheit und sattere Farben beschert. Eine Anpassung der Belichtungszeit kann aber natürlich auch via Veränderung der Kamera-Blende erfolgen. Allerdings ändert sich dann auch der Schärfentiefebereich.
  • Eine Tabelle zur Ermittlung der geeigneten Filterkombination werde ich nach Statz-Vorbild passend zu meinen ND-Filtern "basteln".

Auf die Merkliste

Mit meinen oben formulierten Prioritäten bzw. Anforderungen habe ich mich auf Internet-Recherche begeben. Bei Haida Serie 100 NanoPro 100 MC Master Kit bin ich fündig geworden.

Es deckt meine aktuellen Anforderungen vollständig ab und wird als "Das ultimative Kit für engagierte Landschaftsfotografen(innen)" beworben. Polfilter und ND Filter 0.9, 1.8 und 3.0 sind enthalten. Die Gradationsfilter sind auf 0.9er begrenzt: Soft Grad, Hard Grad und Reverse Grad.

Zum Kit gehören darüber hinaus Filterhalter, Mikrofasertuch und Filtertasche.

Damit hält das Kit alle wesentlichen Werkzeuge bereit, stärkere Kontrastunterschiede einer Szene in den Griff zu bekommen und mit Polfilter und Langzeitbelichtungseffekten zu kombinieren.

Meine aktuellen Objektive besitzen Filtergewinde 49, 58 und 62 mm. Mit Step-Up Adapterringen nutze ich aktuell 62 mm-Filter an meinen Objektiven mit 49 und 58 mm Filtergewinde. Leider enthält das Haida-Set keinen Adapter-Ring für 62 mm Filtergewinde. Diesen muß ich ergänzend erwerben. Dann paßt der Filterhalter an alle meine Objektive.

Mal schauen, ob und wann ich dieses Investment tätige. Cool

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